Jugendtraum gesucht!

Boah, ein Jugendtraum!!!

Was hab ich es gehasst, wenn der Tonabnehmer winzig kleine Knicke im Band sofort als persönliche Beleidigung genommen hat und das Laden des Spieles abgebrochen wurde. Und dann hab ich mich persönlich beleidigt gefühlt und nach 3 Jahren Intensivstspielens die „alte Schleuder“ gegen eine gebrauche Atari-Konsole eingetauscht. Mit 14 weiß man’s eben nicht besser.

Aber schon nach einem Jahr hab ich die Qualitäten vom kleinen aber feinen Schneider CPC 464 zu schätzen gewusst. Ich hab mir – mit Verlaub – den Arsch abgeärgert, denn der Atari erwies sich nicht als der „Bringer“ (Ist wohl auch was für echte Liebhaber). Ich fing an die augengefährdende hellgrüne Schrift auf dem dunkelgrünen Screen und die quietschend krächzenden Ladetöne zu vermissen, die sich über 10 bis 20 Minuten gnadenlos in die Gehörgänge tätowierten. Auch, dass mein 4 Jahre älterer Bruder und ich ständig vor der Kiste gehangen haben, um noch weitere, noch unentdeckte Gänge in dem Burggewirr von „Vampire“ zu finden. „Irgendwo muss doch noch eins dieser gebratenen Hühner versteckt sein?! Verdammt! Schon wieder hat mich ein Pfeil erwischt, oder was soll das darstellen?“ Ich hab es vermisst, mit meinem 2-Finger-Such-System die ewiglangen Programme aus dem ringgebundenen Basics-Buch abzuschreiben, um eine unscheinbare Grafik am Ende über den grünen Monitor flimmern sehen zu können, nachdem man tausendmal Fehler in den Zeilen korrigieren musste. Dann hat man eben versucht, selbst „Grafiken“ zu erstellen. Die waren zwar nicht schön, aber man hat sich ja sooo viel Mühe gegeben:
plot 200
10 draw 200,200
20 draw 220,200
30 draw 220,220
und so weiter, und so weiter…
(Klar, das wurde dann ein Quadrat… boah!!!)
Stunden, ganze Nachmittage hab ich damit verbracht, mich mit dem kleinen Schneider zu beschäftigen. Hab Mittagsessens-Aufforderungen meiner Mutter ignoriert und den Bildschirm beobachtet, wie er das Titelbild zeilenweise aufgebaut hat: „Der Schneider muss das Spiel noch laden!!! Iiiich kooooomm gleeeeiiiich!!!“
Und acht Jahre jetzt hab ich nun damit verbracht, den Klassiker wiederzufinden.

Eigentlich hab ich nur aus Neugierde ins Internet geschaut, ob so was überhaupt angeboten wird. Hoffnungen hab ich mir eigentlich überhaupt keine gemacht, schließlich hatte ich all die Jahre über Freunde und Verwandte vergeblich damit wahnsinnig gemacht, ob sie vielleicht noch irgendwo einen funktionstüchtigen Schneider stehen hätten oder ob sie sich wenigstens für mich umhören könnten. Anzeigen hab ich in die lokale Zeitung gesetzt: „Jugendtraum gesucht!“ Ich hab erfolglos versucht, den Typen ausfindig zu machen, mit dem ich damals getauscht hatte. Bis ich im Internet auf eine Auktionen gestoßen bin und auf Internetflohmärkten nach CPC-Spielen gesucht hab (Natürlich mussten es genau die sein, die ich schon damals hatte, bzw. an die sich mein Bruder und ich noch erinnern konnten.) Leider lange ergebnislos…
In einer Nacht hab ich von einem Satz geträumt, den ich zwar nicht richtig zuordnen konnte, aber der mir verdammt bekannt vorkam: „Press PLAY then any key!“ Und am Tag danach hab ich mit einem der Leute telefoniert, der sich auf meine Anzeige für CPC-Spiele gemeldet hatte: Axel aus Belum. Er wollte sich eigentlich nur wegen den Spielen melden und dass ich sie mir anschauen könnte, aber in dem Gespräch stellte sich raus, dass er eine Menge von diesen CPC’s zu Hause stehen hätte. Man könnte sich die ja mal angucken.
Das konnte ich gar nicht glauben, bin direkt nach der Arbeit in Windeseile und wie von der Tarantel gestochen nach Belum (bei Otterndorf) gedüst. Ein Meer von uralten Computern präsentierte sich mir. Ein Ozean voller Klassiker, die sich bis unter die Decken der Zimmer stapelten und inmitten dieses Gewühls kramte Axel ein, zwei scheinbar funktionierende Tastaturen raus und organisierte noch zwei grüne (!) Monitore, während ich mich durch die noch nicht katalogisierten Spiele wuselte: „Weiß nicht, aber die müssten beide noch gehen. Schau’n wir mal.“ Und ich hab den Atem angehalten und ihn dabei beobachtet, wie er die Jungs „installierte“: Stecker rein, fertig!
Dieses gewohnte Geräusch, wenn man ihn angeschaltet hat. Da war es wieder, dieses fiese Grün und diese simple Schrift. „Amstrad 1984“ war zu lesen. Gott, kam mir das vertraut vor. „Control“ und „Enter“ drücken um das Spiel zu laden und nun wusste ich auch wieder, woher dieser Satz kam, von dem ich geträumt hatte: „Press PLAY then any key“. Ja, das war er. Mein kleiner Schneider. Als wäre er nie aus meinem Kinderzimmer verschwunden, als hätte dieses nicht mal seltene Stück die ganzen verdammten 8 Jahre auf mich gewartet, dass ich ihn wieder abhole. Ich hatte fast schon das Gefühl, mich bei ihm entschuldigen zu müssen, dass ich ihn herzlos weggegeben hatte. Da stand er auf dem Fußboden und ich wusste, dass er diese Nacht nicht mehr in Belum verbringen würde.
Ich MUSSTE ihn mitnehmen.
Ich hab verkrampft versucht, mich an Einzelheiten zu erinnern, über die ich bei meiner Suche noch gar nicht weiter nachgedacht hatte, aber mit jeder Minute mehr, die der kleine Schneider zum Laden des Spiels brauchte, kam mir mehr in den Sinn und auch dieses nervend quietschende, ohrenunfreundliche Geräusch beim Laden war wie Musik in mich. Ich hab mich gefühlt, als wäre ich wieder 11. „Willste nicht auch mal spielen?“, frage Axel mit ebenso glänzenden Augen, mit denen er mir schon den Nachmittag lang seine Schätze gezeigt hatte. Aber ich war wirklich nicht in der Lage zu spielen. Ich war viel zu aufgekratzt, konnte den CPC nur anstarren und mich unendlich freuen.

Ich bin ja nun nicht wirklich der Held in Sachen Computern. Nachdem ich den Schneider vor acht Jahren weggegeben hatte, waren die Dinger wirklich nur Arbeitstiere für mich und mit Computerspielen konnte ich nach der Atari-Pleite auch nicht mehr viel anfangen. Der Schneider war für mich eben DAS Ultimatum.
Ich weiß nicht, warum gerade an diesem Stück so mein Herz hängt, aber als ich ihn nach Jahren wieder mit nach Hause nehmen durfte, war ein Stück Kindheit wieder erweckt. Frauen sind da wohl sentimentaler.

Marieke, 22 Jahre, Bremerhaven

Eine Antwort auf Jugendtraum gesucht!

  1. Marieke sagt:

    …ja, so war’s wirklich 🙂 Und dem Schneiderlein geht es immer noch prima 🙂

    (Marieke, mittlerweile 34)

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